"Lebenspfad"

Stefan Schramm
Ein Rabe zog zu später Stunde
Über dem Schlosspark seine Runde
Genoss den Flug wie einen Traum
Und ruhte dann im höchsten Baum

Nun oben von des Baumes Krone
sah er die Menschen frei und ohne
Alltagsstress und schlechter Kunde
genießend diese Abendstunde



Sein schweifend Blick der fiel sodann
auf einen ziemlich kleinen Mann
Ein kleiner Mensch, fast neugeborīn
und doch zu Großem auserkorīn

Für diesen Mensch ist alles fremd
und neu und groß und doch erkennt
er, was er mag, was ihm gefällt
auf dieser neuen, großen Welt

Es ist der erste schwere Schritt
auf einem langen wilden Ritt
den jeder von uns innig kennt
und achtungsvoll man „Leben“ nennt



Der Rabe, selbst umspielt vom Wind
entdeckt alsdann ein spielend Kind
das ganz die Welt um sich vergaß
und lachend tollte durch das Gras

Ein Kind das ist noch frank und frei
und Pflichten sind ihm einerlei
Entdeckt die Welt auf eigne Faust
in der es erst seid Kurzem haust

Wie kostbar diese Tage sind
weiß jeder, selbst das kleine Kind
Und doch kann Jenes kaum erwarten
den nächsten Schritt auf Lebenīs Pfaden



Es stellt dem Raben sich zur Schau
ein ungewöhnlicher Radau
als er die kleine Gruppe sieht
die lautstark durch den Schlosspark zieht

Die jungen Menschen - wild und rau
Sie wissen noch nicht so genau
Wer bin ich schon? Wo will ich hin?
Was ist mir wichtig? Was der Sinn?

Den Platz zu finden ist nicht leicht
doch noch hat jeder ihn erreicht
Und wer ihn hat, den Platz im Leben
der wird ihn nimmer von sich geben



Der Rabe sichtet ungeniert
ein junges Paar das stolz flaniert
Und einsam Zweisamkeit genießt
der bald schon junges Glück entsprießt

Mit festem Schritt durchs Leben gehīn
Gemeinsam eine Zukunft sehīn
Sich Alltag und der Zeit ergeben
Und dennoch stets sein Leben leben

Der vierte Pfad der längste ist
Doch alles andere als trist
wenn Mensch mit stolz geschwellter Brust
beschreitet ihn voll Lebenslust



Der Rabe schaut umher und dann
entdeckt er einen alten Mann
mit weißem Haar, mit Stock und Hut
und ungebrochnem Lebensmut

So vieles hat er schon erlebt
So vieles hat die Zeit verweht
So viel gelernt - den Schmerz, das Glück
Und selig blickt den Weg zurück

Geliebt, gelebt, gehasst, verehrt
Den Weg beschritten unbeschwert
Mit weichem Blick hält er im Arm
nun einen kleinen Menschen warm



Fünf Pfade muss der Mensch durchwandern
und dort den einen oder andern
Berg erklimmen, Fluss durchqueren
durch gute Zeiten und die Schweren

Mit Greis und Kind der Weg hier endet
egal wie man es dreht und wendet
Ein Neuanfang am Ende steht
wenn Mensch den Weg von Neuem geht



Ein Rabe zog zu später Stunde
Über dem Schlosspark seine Runde
Genoss den Flug wie einen Traum
Und ruhte dann im höchsten Baum

Und sah herab auf diese Welt
Von fahlem Mondenschein erhellt
Und still erkannte jener Rabe
den Mensch auf seinem Lebenspfade


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